Die Pendlerpauschale wird erhöht, Die Bundesregierung 1 sagt wir sollen uns freuen. Ich frage mich: Warum?
Hohe Kosten, kaum Effekt
Ab 2026 können Arbeitnehmer:innen für den Weg zum Arbeitsplatz ab dem ersten Kilometer 38ct als Werbungskosten absetzen (bisher waren es bis 20km Wegstrecke nur 30ct, ab dem 21. Kilometer dann 38ct)
Betrachten wir das mal rein ökonomisch: Die Bürger:innen werden im Jahr 2026 um ca. 1,1 Mrd. Euro und ab 2027 jährlich um ca. 1,9 Mrd. Euro „entlastet“2. Die Steuerentlastungen trägt zu weniger als der Hälfte der Bund, mehr als 800 Mrd. € tragen die Länder und fast 300 Mio. € die ohnehin klammen Kommunen. Der Staat verzichtet also ohne Not (oder habt ihr schon mal jemanden für eine höhere Pendlerpauschale demonstrieren gesehen?) auf eine Menge Geld – und lässt dafür Länder und Kommunen bezahlen, die damit weniger Geld haben in die Infrastruktur (z.B. Radwege oder ÖPNV), Bildung oder soziale Einrichtungen zu investieren.
Wenn der Staat auf Milliardenbeträge verzichtet, dann ist das sicher eine krasse Entlastung für die Bürger:innen, die den Konsum anregt oder auf andere Weise die Wirtschaft ankurbelt, oder? Sei es die berühmte Krankenschwester von Land oder ein kleiner Manager mit Eigenheim im Einzugsgebiet einer Großstadt: Die Erhöhung der Pendlerpauschale um 8 Cent für 20km an 200 Arbeitstagen bedeutet, dass max. 320 € zusätzlich von der Steuer abgesetzt werden können – sofern mensch den Werbungskostenpauschbetrag bereits überschritten hat. Die Krankenschwester vom Land hat also (bei 30.000€ zu versteuerndem Einkommen und einem durchschnittlichen Steuersatz von 15%) etwa 4€ im Monat mehr. Unser Manager wird von 8 € im Monat (bei 80.000€ und 30% durchschnittlichem Steuersatz) auch nicht wirklich reich. Beide wären wahrscheinlich glücklicher, wenn die KiTa die Gebühren nicht erhöhen müsste.
Falsche ökologische Anreize
Aus ökologischer Sicht ist die Pendlerpauschale grundsätzlich „klimaneutral“, da sie für alle Verkehrsmittel gilt, also auch für Bus, Bahn und Fahrrad.
Pendler, die auf Kurzstrecken (unter 20km) unterwegs ist – die sich häufig gut mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV zurücklegen lassen – werden durch die Neuerung tatsächlich besser gestellt. Wer täglich 5 oder 10 km täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, bekommt ein paar Euro im Monat mehr erstattet.
Gleichzeitig werden aber auch die Menschen, die 20km oder mehr mit dem Auto zur Arbeit fahren entlastet. Die Änderungen bei der Pendlerpauschale fördern also kein ökologisches Verhalten, sondern neutralisieren nur die bisherige Benachteiligung von kurzen Wegstrecken.
Zwei Drittel der Berufstätigen nutzen das Auto, um zur Arbeit zu kommen3 und profitieren somit ebenfalls von der Erhöhung der Pendlerpauschale. In der Regel sogar überproportional, weil gerade längere Strecken typischerweise mit dem Auto zurückgelegt werden4.
Ich wage zu behaupten, dass ein Großteil der Rad-Pendler liebend gerne auf die drei Kröten verzichten würde, wenn das Geld stattdessen für bessere Radwege oder ein günstigeres Deutschlandticket genutzt würde.
Sozial unausgewogen
Steuererleichterungen, die an das zu versteuernde Einkommen gebunden sind, wie die Pendlerpauschale bevorzugen grundsätzlich Besserverdienende. Wer mehr Einkommen hat, hat einen höheren Steuersatz und profitiert damit mehr von steuermindernden Maßnahmen. Wie oben schon beschrieben wirkt sich ein Steuersatz von 15% anders aus, als ein Steuersatz von 42%. Geringverdiener kommen zudem häufig nicht auf den Werbungskostenpauschalbetrag oder bleiben gänzlich unter der Bemessungsgrenze, damit hat die Erhöhung der Pendlerpauschale keinen steuerlichen Effekt für sie5. Desweiteren pendeln Gutverdienende häufiger und legen dabei weitere Strecken zurück. Während die ärmsten 20 % im Schnitt pro Tag knapp 5 Kilometer an Arbeitswegen zurücklegen, sind es für die reichsten 20 % gut 12 Kilometer. Der Bundesdurchschnitt beträgt 8km6. Wer ein höheres Gehalt hat, profitiert somit gleich doppelt: Mehr Kilometer mal höherer Steuersatz bedeutet mehr Entlastung. Die Kosten tragen wir alle.
Die Pendlerpauschale (ebenso wie das Dienstwagenprivileg) werden schon seit Jahren z.B. auch von der OECD7 kritisiert, da sie ökologisch falsche Anreize setzt, eine Menge Geld kostet und sozial unausgewogen ist.
Es gäbe Alternativen
Es gäbe genügend Ideen und Vorschläge wie – sozial verträglich und fair – Anreize für einen nachhaltigeren Arbeitsweg gesetzt werden könnten, z.B. ein Mobilitätsgeld (in Verbindung mit dem gewählten Verkehrsmittel) oder eine Verknüpfung der steuerlichen Absetzbarkeit mit der Verfügbarkeit des ÖPNV, aber dafür wäre ein echter Änderungswille und Reformbereitschaft notwendig. Ein sehr beliebtes und erfolgreiches Konzept für ökologische und sozial gerechte Mobilität gibt es bereits – aber für das Deutschlandticket ist ja scheinbar nicht genug Geld da.
Die Pendlerpauschale jetzt zu erhöhen passt leider in das Schema, das wir von der Merz-Regierung bereits gewohnt sind: Symbolpolitik, falsche Anreize und Steuergeschenke für einige Wenige auf Kosten der Umwelt und der Allgemeinheit.
- https://social.bund.de/@Bundesregierung/115763140822681797
- https://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Pressemitteilungen/Finanzpolitik/2025/09/2025-09-10-steueraenderungsgesetz-2025.html
- https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_N027_13.html
- https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/366/dokumente/uba-kurzpapier_entfernungspauschale_kliv.pdf
- https://www.deutschlandfunk.de/auto-verkehr-pendlerpauschale-steuer-klimaschutz-100.html
- https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/366/dokumente/uba-kurzpapier_entfernungspauschale_kliv.pdf
- https://www.oecd.org/en/publications/2023/05/oecd-environmental-performance-reviews-germany-2023_e352cae0.html