AI generiert
Als ich mir kürzlich Gedanken zum „Wohlstand für alle“ gemacht habe, habe ich – in einer Fußnote – versprochen zu erläutern warum das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ein „selten blöder Indikator“ ist. Ich muß mich beim BIP entschuldigen, das BIP kann da wenig dafür. In vielen Fällen ist die Verwendung und Interpretation des BIP in Politik, Medien und auch den sogenannten Wirtschaftswissenschaften doof.
Schon Dr. Simon Kuznets, einer der Väter der modernen volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, hat davor gewarnt. Kuznet gilt als einer der Urväter des BIPs. Er arbeitete für das „National Bureau of Economic Research“ der USA versuchte in der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er/ Anfang der 1930er Jahre des letzten Jahrhunderts das „National Income“ der USA zu bestimmen und zu prognostizieren, um eine statistische Basis für wirtschaftliche Entwicklung und Wirtschaftspolitik zu schaffen. Er berechnete – auf Basis der verfügbaren Zahlen – ein „National Income“, einem Vorläufer dessen, was wir heute als Bruttoninlandsprodukt kennen. Er war sich der Schwächen seiner Berechnung bewusst und betont ausdrücklich, dass die Vereinfachung der Wirtschaft auf eine einzelne Zahl zu Missbrauch einlädt, wenn die zugrundeliegenden Definitionen und Annahmen nicht berücksichtigt werden. „The welfare of a nation can, therefore, scarcely be inferred from a measurement of national income as defined above“1. Der Wohlstand einer Nation kann nicht vom „National Income“ abgeleitet werden. Diese Warnung wurde in den Jahrzehnten darauf zuverlässig ignoriert.
Das BIP umfasst den Wert aller im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen
Das BIP (oder englisch Gross Domestic Product, GDP) „umfasst den Wert aller im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen nach Abzug der Vorleistungen“2.
Wenn ein Bäcker innerhalb eines Jahres Brötchen für 100.000 € herstellt und 50.000 € für Strom und Mehl ausgibt, trägt er 50.000€ zum BIP bei. Diese Berechnung entspricht der genannten Definition des BIP. Mensch kann das BIP auch über die Konsumseite (wer kauft was) oder über die Verteilung (wer verdient dabei was) berechnen. Letztendlich kommt mensch aber immer auf die selbe einzelne Zahl in Euro oder Dollar, die die „Wirtschaftsleistung“ eines Landes in einem Jahr beschreiben soll.
Erstmals in die Welt gesetzt und standardisiert wurde das BIP von den Vereinten Nationen (UN), bzw. deren Statistikbehörde, der heutigen United Nations Statistical Commission (UNSC) im Jahr 19473. Kurz nach ihrer Gründung benötigte die UN dringend einen Maßstab um die Beiträge der Staaten zur UN und anderen internationalen Organisationen festzulegen4. Bösartige Menschen behaupten, aufgrund der Eile hätte man das BIP als Notlösung genommen – nicht ahnend, dass es sich zu der magischen Zahl entwickeln würde auf die sich die gesamte Wirtschaftspolitik der kommenden Jahre und Jahrzehnte fokussieren würde. Zur Ehrenrettung der UNSC muß man sagen, dass sie ein „System of National Accounts“ (SNA) definierte, das weit mehr als nur das BIP umfasst und das auch heute noch weiterentwickelt und genutzt wird. Aber nur das BIP ging viral.
Das BIP schaut auf alles was ein Preisschild hat
Vereinfacht gesagt, ist im BIP alles berücksichtigt was ein Preisschild hat. Es gibt nur leider einen Haufen Dinge, die ein Preisschild haben, aber nach gesundem Menschenverstand unerwünscht sind. Nehmen wir einen Autounfall: Die Polizei, der Abschleppdienst, die Werkstatt, der Rettungsdienst, die Ärzte, die Anwälte. Alle sind „wertschöpfend“ tätig und tragen damit zum BIP bei. Ohne Autounfälle würde ein gesamter Berufszweig – die Verkehrsrechtsanwälte – pleite gehen. Schlecht für das BIP, also lass uns lieber nichts gegen Autounfälle unternehmen. Krieg (möglichst nicht bei uns): Endlich wieder ein Absatzmarkt für Waffen und Munition. Klasse, gut für’s BIP. Naturkatastrophe – doof für die Betroffenen, aber der Wiederaufbau: Gut für’s BIP. Das BIP kann da nichts dafür, das BIP nimmt nicht für sich in Anspruch nur gute Dinge zu messen. Die Interpretation, eine Steigerung des BIPs sei grundsätzlich gut, die problematisch ist.
Das BIP ignoriert, was kein Preisschild hat
Das BIP berücksichtigt nicht, was kein Preisschild hat. Und es gibt eine Menge Dinge, die der Menschheit gut tun, aber kein Preisschild haben. Kuznet spricht u.a. von „Services of housewifes“, heute bezeichnen wir es als Care Arbeit. All die unbezahlten Tätigkeiten, sei es Kindererziehung, Pflege der Eltern, ehrenamtliche Tätigkeiten, Nachbarschaftshilfe und viels mehr, die sich positiv auf eine Gesellschaft auswirken können, sind im BIP nicht existent. Eine Politik, die eine Steigerung des BIP zur obersten Maxime erklärt, ist daher tendenziell daran interessiert, diese Themen entweder einfach auszuklammern oder ihnen ein Preisschild zu verpassen.
Die Natur liefert unbezahlbare kostenlose Dienstleistungen, sei es die Biene, die die Tomaten bestäubt, der Fels der das Grundwasser reinigt oder der Wald der CO₂ aufnimmt. Die Nutzung dieser natürlichen Ressourcen – im betriebswirtschaftlichen Sinne eigentlich eine Vorleistung, die vom BIP abgezogen werden müsste – bleibt unberücksichtigt – sie hat ja kein Preisschild. Zu einem gewissen Grad versucht man – z.B. über die CO₂-Bepreisung – diesen Externalisierungen auch ein Preis-Schildchen umzuhängen. Das führt zu der absurden Situation, auf der einen Seite Umweltverschmutzung zu bepreisen (um eine Lenkungswirkung zu erzielen), aber auf der anderen Seite diesen Preis dann so niedrig anzusetzen, dass er dem BIP nicht schadet (also keine Lenkungswirkung hat).
Das BIP kann nichts dafür
Das sind nur einige Beispiele, die aber zeigen, dass das BIP die Wirtschaftsleistung eines Landes nur unvollständig abbildet und implizit eine Menge unerwünschter Effekte als positiv darstellt. Gute Ökonomen sind sich der Schwächen des BIP bewusst und können es daher richtig interpretieren, zusätzliche Zahlen und Statistiken hinzuziehen und wertvolle Erkenntnisse gewinnen. Eine BILD-Schlagzeile kann das nicht, tut es aber trotzdem. Ich will Hr. Merz nicht zu nahe treten, aber ich fürchte auch er kann es nicht. Und das ist das doofe am BIP. Es erscheint wie eine schöne plakative Zahl und – das ist die leider völlig falsche Interpretation – wenn diese Zahl größer wird sei es gut für alle. Ist es aber nicht. Das BIP einer Nation sagt nichts darüber aus, was produziert wird oder wofür produziert wird, was konsumiert wird oder von wem konsumiert wird.
In den USA sieht man zur Zeit besipielsweise, dass Trotz der Trump’schen Kapriolen das BIP wächst. Das liegt zu weiten Teilen am KI Boom. Viele andere Sektoren stagnieren bestenfalls. Auch wenn bei einem Großteil der Bevölkerung nichts davon ankommt, „die Wirtschaft wächst“ verkauft sich gut.
Die zweifelhafte Verteilung einer zweifelhaften Zahl
Das ist dann auch die perfekte Überleitung zum BIP/Kopf. Das BIP/Kopf wird häufig als Indikator für den Wohlstand einer Nation genannt. Wie wir mittlerweile hoffentlich alle verstanden haben, sind BIP und Wohlstand zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das BIP ist bestenfalls ein mit Vorsicht zu genießender Indikator für die Wirtschaftsleistung einer Nation.
Das BIP/Kopf drückt somit die durchschnittliche Wirtschaftsleistung eine:r Einwohner:in eines Landes aus, ist also bestenfalls ein Indikator für die Produktivität der Menschen, die mit einem Preisschild versehene Arbeit verrichten. Da wird schnell geschlussfolgert, wir müssten alle nur „fleissiger“ sein.
Von der Konsumseite betrachtet suggeriert das BIP/Kopf, wenn all die Köpfe sooo viel konsumieren, dann geht es ihnen wohl gut. Das lässt außer Acht, dass zum einen eine ganze Menge nicht von Köpfen, sondern von Unternehmen und dem Staat selbst konsumiert wird und zum anderen auch der Konsum der einzelnen Köpfe sehr unterschiedlich sein kann.
Aus einer bereits missverständlichen Zahl einen Durchschnitt zu bilden und diesen Durchschnitt dann noch einmal misszuinterpretieren ist (und da möchte ich mich bei allen Mathematikern entschuldigen) natürlich nicht doof hoch zwei, aber doch ziemlich nah dran.
Das BIP ist ein Werkzeug – nicht die Wahrheit
Wir fassen zusammen: Das BIP ist ein zweifelhafter Indikator für die Wirtschaftsleistung. Das BIP/Kopf ist die zweifelhafte Verteilung des zweifelhaften BIPs auf die Einwohner:innen eines Landes. Beide Zahlen können – richtig angewandt und unter Einbeziehung unterstützender Information und weiterer Kennzahlen – Hinweise zur wirtschaftlichen Entwicklung geben.
Was das BIP nicht kann – aber das wird in Politik und Medien leider immer wieder getan – ist den Wohlstand eines Landes zu beschreiben.
1 dachte an “Warum das BIP ein selten blöder Indikator ist”
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